Dienstag, März 29, 2005

Ägypten, zweiter und dritter Tag

(Alexandria) Bisher war diese Reise ja einfach nur schön, langsam wird das Leben komplizierter, aber das gehört erst mal nicht hierher, vor allem, weil ich nicht weiß ob das, wenn ihr das lest, noch aktuell ist. Gestern habe ich auf´s Schreiben verzichtet, weil wir ein super-volles Tagesprogramm hatten und ich abends die Mega-Kartenschreibe-Session eingelegt habe. Daher ist es jetzt, wieder auf dem Schiff, etwas schwierig über die letzten beiden Tage zu schreiben. Interessant war das Essen, ich hatte relativ schnell raus, was ich mag und habe mich dann hauptsächlich davon ernährt: ägyptischer Schafskäse, total weich und einfach nur lecker, dazu Fladenbrot oder zum Frühstück Pfannkuchen. Von allen anderen Sachen habe ich immer nur vorsichtig probiert, alles halt interessant, aber ich konnte nicht soviel davon essen, dass ich satt werde.
Genervt haben mich dumme Kommentare älterer Reiseteilnehmer, teilweise auch meiner Eltern, klar ist dieses Land arm, klar ist vieles schrecklich, klar sieht vieles in der Stadt total schrecklich aus. Und natürlich halte ich auch nicht viel davon, dass Frauen Kopftücher tragen. Aber muss man denn ständig sagen, wie grauenvoll alles ist? Muss man ständig sagen, wie schmutzig alles ist? Muss man ständig wiederholen, wie schrecklich man es findet, dass die Frauen alle mit Kopftüchern rumlaufen? Kann man nicht einfach mal aufhören zu pauschalisieren, kann man nicht einfach mal die Kultur ein bisschen genießen und wieso können Menschen in manchen Momenten nicht einfach mal schweigen? Diese Fragen, Gefühle, Aggressionen kamen vor allem von unserem ersten Programmpunkt gestern. Wir waren zu Besuch bei einer Schwestern-Station, wo die Schwestern den Müllmenschen, besonders den Kindern und Frauen helfen. Das sind Menschen, die vom Müll leben, von dem, was sie darin finden und, wenn ich es richtig verstanden habe, auch von einer Art Gebühr für die Müllabfuhr. Also so ziemlich die Ärmsten der Armen in Kairo. Erst sind wir mit großen Bussen bis an den Rand des Viertels gefahren und dann in kleinere Busse umgestiegen, weil die großen nicht durch die kleinen Straßen passen, Straßen ist eigentlich zu viel gesagt: Hauszwischenräume. Das Viertel ist auch eins von denen, wo die Häuser quasi selber gebaut wurden und die Stahlstreben noch oben rausgucken, zwischendurch gibt es immer mal eine Grünfläche, wo irgendwas angebaut wird. Wie es dort aussieht, kann man sich einfach nicht vorstellen, selbst wenn man so was schon ständig im Fernsehen, in irgendwelchen Dokus oder in Schulbüchern gesehen hat. Dass Menschen dort wohnen können, kann man sich eigentlich nicht vorstellen, ständig irgendwelche Müllkippen, wo irgendwelche Leute, oft Kinder drin herumsuchen. Häuser, die eigentlich keine sind und die Armut, die einem an jeder Ecke entgegenkommt. Trotzdem sind die Menschen nicht wirklich unglücklich, sondern es tobt das Leben. Ich komme mir in diesem Bus, wie ein totaler Fremdkörper vor und denke mir, dass die Menschen draußen eigentlich einen totalen Hass auf uns haben müssen. Aber das ist einfach nicht so, viele winken oder lachen. Dann kommen wir an der Schwestern-Station an, die sofort dadurch auffällt, dass ein Pulk Frauen ohne Kopftuch rauskommt, offensichtlich koptische Christinnen. Beim Betreten der Station kommt man sich vor wie in einer anderen Welt. Alles sauber, Menschen mit „normaler“ Kleidung. Wir werden in den Empfangssaal geführt, wo eine Schwester uns von der Arbeit mit den Müllmenschen erzählt. Einer Schwester Emmanuelle aus Frankreich hat das Kloster (das Wort fällt mir in dem Zusammenhang schwer) dort gegründet. Koptische Schwestern haben später ihre Arbeit weitergeführt. Die Schwestern haben viele und verschiedene Projekte, die ich gar nicht mehr alle aufzählen kann. Sie helfen natürlich dort, wo es nötig ist und wo sie helfen können, um den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen. Also Schulen, Krankenhäuser, eine Sonderschule für behinderte Kinder, Gesundheitsvorsorge, Hygienebelehrungen, Kurse für Frauen über ihre Rechte, Hilfe bei der Ausweisebeschaffung für Frauen usw. Nachdem der uns begleitende Pfarrer noch eine Lob- und Dankrede, natürlich verbunden mit einem Umschlag mit entsprechendem Inhalt, gehalten hat, wurden wir dann durch die ganze Anlage geführt. Direkt vor Ort ist, neben den Zimmern der Schwestern, wo wir natürlich nicht reindurften, vor allem das Krankenhaus, eine Art Internat und die Sonderschule. Im Krankenhaus war um die Uhrzeit natürlich nichts los, weil die Patienten alle arbeiten. In der Sonderschule fiel mir auf, dass die dort mit überraschend moderner Pädagogik arbeiten, also natürlich kleine Klassen, aufgeteilt nach der Schwere und Art der Behinderung, immer Doppelbesetzung in den Klassen. Es wurde einfach total deutlich, dass man dort wirklich jedes Leben als lebenswert ansieht. Zwischen den ganzen ägyptischen Gesichtern tauchte übrigens auf einmal ein europäisches auf, das sich als ein deutscher FSJler statt Zivi entpuppte, entsandt von der evangelischen Kirche. Also wenn andere Leute meinen ihr Vaterland verteidigen zu müssen, weiß ich, wer die wirklichen Drückeberger sind. Zwischendurch konnten wir noch ein paar Erzeugnisse der Schüler dort kaufen, was natürlich fast alle gemacht haben. Lustig war, wie wir ein paar Kinder, die da am Knoblauchrupfen waren, mit der Digi-Cam beeindrucken konnten. Irgendwann sind wir dann auch wieder gefahren, ohne dass das Geplapper von so einigen Leuten aufhörte. Geschockt hat mich das nicht wirklich, etwas nachdenklich gemacht natürlich. Aber vor allem finde ich es irgendwie ermutigend, dass es eben doch was bringt im Kleinen anzufangen, klar löst man so nicht die weltweite Armut, aber deshalb gar nichts tun? Also wenn irgendwer mal den Drang haben sollte Geld loszuwerden: Hier ist es wirklich gut aufgehoben und kommt an! (Edit von zu Hause: Wer sich näher dafür interessiert hier gibt es einen guten Artikel von Missio)

Schlimm ist es natürlich abends dann ins Hotel zurückzukommen oder jetzt auf´s Schiff. Es fällt mir schwer diese Feststellung so stehen zu lassen, aber es bleibt mir schlichtweg nichts anderes übrig. Danach gab´s einen Punkt, der eigentlich kaum erwähnenswert ist: der Baum unter dem die Heilige Familie angeblich bei ihrer Flucht nach Ägypten gerastet hat. Dann unwesentlich weniger unwichtig: Die Moschee in der Zitadelle, irgendwie hässlich, mein Vater meinte, es wäre halt eine andere Art von Kunst, aber ich mag ja Barock oder Rokoko-Kirchen auch nicht. Zum Mittag waren wir auf nem Schiff, weil wir es ja so gewohnt sind. Allerdings auf´m Nil und festgemacht, wirklich ein schönes Schiff. Es war auch nett, die vorbeifahrenden Schiffe zu beobachten. Aber dann: das ägyptische Museum! Leider ging´s mir körperlich nicht so toll, so dass ich es nicht wirklich genießen konnte. Außerdem habe ich es mal wieder bereut keine Ahnung zu haben: die Ägypter sind echt böhmische Dörfer für mich, zumindest im Vergleich zu den Griechen, Römern und Kreuzfahrern. Jetzt bin ich zumindest etwas schlauer. Und die Exponate im Museum sind auch so einfach total bestaunenswert. Die Schreiberstatue kennt z.B. fast jeder und diese im-schneidersitz-sitzenden Statuen gucken einfach immer freundlich. Von denen allen würde ich sofort einen Gebrauchtwagen kaufen. Ansonsten solche Sachen, wie den Sphinx von Hatschepsut und alle solche Sachen, die ich mangels Wissen schwer beschreiben kann. Besonders beeindruckend ist natürlich der Schatz von Tutanchamun. Viel Gold, viel blau, viel geschmackvolle Kunst halt. Museumspädagogisch ist das Museum übrigens ein Unding, was schlichtweg am Platzmangel liegt. Daher wollen die auch ein neues Museum bauen, was das weltgrößte werden soll, damit nicht mehr alles so gedrängt steht. Wie gesagt, es war leider nicht so mein Tag, deshalb tue ich die alten ägyptischen Kultur leider wohl etwas Unrecht. Nach dem Tag war ich auf jeden Fall total fertig. Heute morgen ging´s dann wieder ziemlich früh los und nochmal zu den Pyramiden, die von nahem deutlich gigantischer wirken als, wie bei der Lichtshow, von weiter weg. Wenn die fliegenden Händler (übrigens mit genialem Deutsch: „Eile mit Weile“ oder „Mensch Meier“) nicht wären, wär es geradezu erholsam bei den Pyramiden rumzusitzen. Nachdem wir einmal um die Cheops-Pyramide rum sind und mein Vater sich von einem Tourism-Police-Menschen hat verarschen lassen (der „Hauptmann von Köpenick“ funzt immer noch), hatten wir noch ewig Zeit und haben die ägyptische Sonne genossen. Dann gab´s noch echt touristenmäßig den Panorama-Blick und schließlich den Sphinx von nah, auch sehr nett. Dann hieß es erst mal im Bus sitzen, mit dem alten Prob, dass das furchtbar müde macht. Anstatt den Ausführungen unseres Reiseleiters über die Wüste zu lauschen und dabei einzuschlafen, hab ich lieber Wise guys gehört, damit ich weiter rausgucken konnte und nicht penne. Dann haben wir noch Zwischenstation bei einem Wüstenkloster gemacht. Koptische Mönche, die in der Wüste leben und Platzmangel haben anstatt Nachwuchssorgen. Allerdings sind mir diese kontemplativen Orden angesichts der Probs in der Welt immer etwas fremd. Beten ist ja schön und gut, aber die Arbeit der Schwestern in Kairo kommt mir dann doch irgendwie wichtiger vor. Beim Mittagessen im Rasthof hatte ich die Gelegenheit einen Löwen hautnah mit dem Haustiermodus unserer Kamera zu fotografieren. Dann weiter direkt durch die Wüste nach Alexandria. Die Stadt kam mir viel europäischer vor als Kairo. Der Straßenverkehr halbwegs geordnet, die Straßen sauberer und die Häuser moderner. Die Bibliothek ist schon von außen ein cooles Gebäude. Wirklich schade, dass wir nicht reinkonnten. Ansonsten haben wir noch an der Zitadelle gehalten, wo ich auch gerne reingegangen wäre, sowieso hätte ich von Alexandria gerne mehr gesehen. Aber die Zeit reichte einfach nicht und soviel Kraft hatte ich hier ja auch einfach nicht. Als Schlussstory zu diesem krassen und beeindruckenden Land noch meine neu erworbene Wasserpfeife: Wir hatten während der Busfahrt gestern den örtlichen Angestellten von Biblische Reisen gefragt, der mir dann nach dem Essen erzählt hat, dass ich in der Nähe vom Hotel keine kriege, dass er aber einen Händler anrufen könne, der dann mit dem Taxi vorbeikäme. Noch etwas skeptisch habe ich dann zugesagt und ne ¾ Stunde später kam dann die Wasserpfeife, den Händler dazu habe ich nie gesehen, komplett verpackt, mit Apfeltabak. Die habe ich dann käuflich erworben. Dummer weise etwas unpraktisch, weil zum transportieren gänzlich ungeeignet. Zwar schön verpackt in ´ner Tasche, aber halt in einer Größe, dass sie eher zum Einrichtungsgegenstand bei mir wird. Heute vor der Schiffsabfahrt habe ich dann noch vom restliche ägyptischen Geld Kohle und andere Tabaksorten gekauft. Ich bin wirklich gespannt, wie das dann zu Hause wird. Jetzt sitze ich also wieder auf diesem Schiff und die fehlende Privatsphäre haut langsam rein. Ich merke, dass es mir alle Eindrücke aus´m Hirn pfeift, wenn wieder irgendwer meint die Glotze anmachen zu müssen. Schreibe tue ich meistens an Deck, oder hier in der Bibliothek, wo man natürlich auch nicht wirklich ungestört ist. Dafür kommt man von Zeit zu Zeit mit anderen Leuten ins Gespräch, was meistens ganz nett sein kann. Trotzdem bräuchte ich gerade echt gelegentlich mal einen Raum, wo ich einfach meine Ruhe habe. Schreiben wäre dann auch deutlich einfacher.

3 Comments:

Anonymous Persi said...

"mein Vater sich von einem Tourism-Police-Menschen hat verarschen lassen (der „Hauptmann von Köpenick“ funzt immer noch)"
Was habt ihr verzapft???

11:08 AM  
Blogger NTess said...

Die Tourism Police sind die Leute, die rumstehen und aufpassen, dass niemand Freeclimbing an den Pyramiden probiert. Der Typ steht da rum und wir überlegen gerade, wen wir fragen können für ein Familienfoto für die Verwandtschaft. Er lädt uns ein uns auf den Absatz der Pyramide zu stellen und das Foto zu machen. Tja, und hinterher will er irgendwie zwei Euro dafür haben - was soll man machen? Köpenick meinte ich deshalb, weil wir ja nur auf den Typen reingefallen sind, weil er halt offiziell war - und nicht einer von diesen fliegenden Händlern...

1:17 PM  
Anonymous Persi said...

Achso, ich hatte jetzt was in der Richtung erwartet da ist wer, der sich als Polizist ausgibt, aber keiner ist ;-)

2:07 AM  

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