Dienstag, März 22, 2005

Das Leben auf See und mehr oder weniger tiefsinnige Gedanken

Heute morgen sind wir nach´m Frühstück durch die Straße von Messina gefahren, schöne Gebirgslandschaften rechts und links, mit dem Fernglas die Lavaspuren auf dem Ätna entdeckt und Werbeplakate entziffert. Danach wieder strahlend blaues Mittelmeer, wohin man schaut mit strahlend blauem Himmel. Am Vormittag habe ich mir dann noch den Vortrag vom besagten olle Altphilologen angehört, nachdem ich auf den geographischen verzichtet hatte. (Nein, mich interessiert nicht, wie das Mittelmeer entstanden ist.) Griechischer Glaube und Tempel, etwas wenig Struktur, was der gute Herr versucht mit seiner Begeisterung auszugleichen. Interessant und inklusive des dorischen Eckkonflikts, bin aber trotzdem ein paar Mal eingepennt. Danach ging´s fließend über in die Beobachtung des Mann-über-Bord-Manövers. Spannende Sache, aber man lebt wohl auch ohne das erlebt zu haben ganz gut. Nach dem Mittagessen kam gleich der nächste Vortrag (ich frage mich gerade, ob ihr mich alle für verrückt halten, aber das ist mir eigentlich egal). Die Einführung zu Olympia, wo wir morgen hinfahren, diesmal von Herrn Müller, mit dem wir auch die meisten Ausflüge machen werden. Dank der Cola zum Mittagessen und mehr Struktur im Vortrag fiel mir die Konzentration etwas leichter, außerdem weiß ich ja immer ganz gerne über die Orte Bescheid, die ich besuche und die olympischen Spiele sind ja auch so ganz interessant. Jetzt liege ich seit einer Stunde an Deck rum, genieße die Sonne und schreibe. Ich bin froh, dass ich endlich in der Jetzt-Zeit angekommen bin. Teilweise waren die Sachen bis hier etwas sehr viel später geschrieben, so dass ich kleine aber erwähnenswerte Dinge vergessen habe. Wie den ersten Delphin in freier Wildbahn, den ich gesehen habe, sehr schön, klein und gemustert. Oder die Tatsache, dass jedem Gast zu jedem Essen ein Viertelliter Weiß- oder Rotwein zusteht. Selbstverständlich auch meiner Sis, die den kommentarlos eingegossen kriegt, wodurch wir natürlich sparen. Oder auch den Heizfimmel in den Innenräumen außer dem Essraum und in unserer Kabine, wo wir die Temperatur selber regeln können. Diese Überheizung der Räume fürht bei mir zu großen Müdigkeitserscheinungen.
Als erste Einschätzung: Ich würde so ein Schiff ohne den Bildungsanspruch von Biblische Reisen wohl nicht überleben, weil mir das zu sinnlos langweilig und spießig vokäme. Machnmal möchte ich fast schreien „Frieden den Hütten, Krieg den Palästen“ und ein bissschen ausrasten, wenn ich die Leute hier so rumlaufen sehe. Ein ähnliches Gefühl wie in Marbella letztes Jahr. Aber es ist natürlich absoluter Schwachsin da direkte kausale Zusammenhänge herzustellen. Auch wenn mir das Service-Personal, fast ausschließlich aus der Ukraine übrigens, manchmal echt für seinen Job leid tut, leben die natürlich davon und es ist besser, wenn die Leute das Geld so ausgeben, als wenn sie es auf der Bank vergammeln lassen. Ich bin freundlich und höflich zu dem Personal, mehr ist nicht drin, weil die meisten nicht mehr als das nötige Deutsch verstehen, auch wenn es mich echt mal interessieren würde, wie die Leben und sich durch´s Schiff bewegen. Mehr kann ich halt nicht tun und mein schlechtes Gewissen ist halbwegs beruhigt, weil ich vermute, dass hier niemand ausgebeutet wird, natürlich kann man das nie sicher wissen. Ich halte es für Hirnriss, mich ständig für meine Herkunft und meinen sozialen Hintergrund vor mir selbst und anderen zu entschuldigen. Viel mehr hat sich in den letzten zwei Tagen mein, in meinen Augen, gesundes Elitebewusstsein gestärkt: Ich habe halt Möglichkeiten, Vorteile und Annehmlichkeiten, die anderen nicht haben, dafür kann ich erst mal nichts. Das einzige, was ich kann, ist das zu nutzen!